Zu viel Stoff – das Problem des Medizinstudiums

Ich liebe die kalte Jahreszeit: hier drinnen an meinem Schreibtisch zu sitzen und medizinische Literatur zu erarbeiten empfehle ich als Wonne aber auch als Privileg. Ich weiß, ich erkaufe mir die Zeit, die ich vor dem Schreibtisch verbringe mit einigen Zehntausend Euro, die ich zuvor durch meinen alten Job verdient und auf die hohe Kante gelegt habe. Besonders schön ist diese Zeit, wenn es draußen kalt, nass und dunkel wird. Im Herbst und Winter sitze ich besonders gerne drinnen am wärmen Schreibtisch… während leiste Klavierklänge den Raum erfüllen und mehrere kleine Lichtquellen das Zimmer in angenehme Farben tauchen.

Nun ist es so, dass ich beginnend mit dem Wintersemester 2020/21 wieder als Vollzeitstudent ins Studium starte. Zuvor hatte ich eine mehrjährige Pause eingelegt, um mein Privatleben wieder in den Griff zu bekommen. Das ist heute größtenteils der Fall und nebenher habe ich genug Geld verdient, um auch davon wieder zu leben während ich als Student kein Einkommen haben werde.

Aktuell bereite ich mich auf das Semester in der Inneren Medizin vor. Dazu habe ich zunächst begonnen alle Grundlagen-Kapitel meiner Kompaktlehrbücher durchzuarbeiten, um das vorklinische Wissen aufzufrischen und nicht direkt abgehängt zu sein, wenn es wieder daran geht darauf aufzubauen und Neues zu lernen.

Was mir dabei aufgefallen ist: ich habe einen gewaltigen Teil des vorklinischen Wissens verloren. So war es etwa nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel, dass ich bestimmte Abkürzungen nachlesen musste… Hormonnamen und Funktionen waren dann zwar schnell wieder da, aber es ist schon faszinierend, wie schnell man Wissen, das man nicht braucht wieder vergisst.

Das ist exakt der Fluch und der Segen zugleich, mit dem man im Medizinstudium konfrontiert ist. Auf der einen Seite ist das Studium super breit gefächert und man lernt wirklich alles – von medizinischer Psychologie/Soziologie, über Physiologie und Biochemie des Körpers, selbstverständlich die Anatomie (makro- und mikroskopisch) aber auch Dinge wie Pharmakologie, Laborchemie und dergleichen mehr. Der Segen ist es deshalb, weil man kein „Schmalspurstudium“ absolviert, in dem man exakt das lernt, was man später im Beruf mal braucht (wenngleich das Medizinstudium auch durchaus eine Berufsausbildung von sehr gewaltigem Umfang sein könnte). Die Kehrseite dieser Medaille ist, dass das Studium einfach ein Fass ohne Boden ist: man wird geradezu überhäuft mit Massen an Detailwissen über Dinge, die einem zuvor noch nie begegnet sind. Dies führt dann zu folgenden Missständen:

Ich saß einmal im zweiten oder dritten Semester in einer Vorlesung zum Bereich Physiologie. Dort wurde in gefühlt rasender Geschwindigkeit über einen Foliensatz zu einem bestimmten Thema doziert. In besagter Vorlesung saß noch eine weitere Person neben mir und meinen Freunden: ein junger Schüler, der sich mit dem Medizinstudium beschäftigen wollte, da er Interesse daran hatte und a priori erkennen wollte, ob es ihm wohl liegen würde dieses Fach zu studieren.

Die Folien des Dozenten ließen sich – für einen Medizinstudenten eines höheren Semesters – in folgende drei Kategorien einteilen:

  1. Folien, die Grundlagen aus früheren Semestern behandelten (etwa anatomische Strukturen, in denen die Prozesse abliefen). Also Folien, die für uns Studenten quasi nur der Vollständigkeit halber präsent waren und für uns quasi Wiederholung waren.
  2. Folien, die tatsächlich Neues Wissen vermitteln sollten. Diese Folien waren auf einem für Studenten angemessenen Niveau und konnten in der Kürze der Zeit erfasst und begriffen werden. Dies waren die eigentlich relevanten Informationen und die „wichtigen“ Details der Vorlesung.
  3. Folien, die mit einer Fülle an Fakten aus der aktuellen wissenschaftlichen Forschung „überfrachtet“ waren. Diese Folien hätten mich im ersten Semester völlig überfordert, denn mir war nicht klar, dass der Zweck dieser Folien lediglich war, Ansatzpunkte aktueller Forschungsfelder aufzuzeigen und den Studenten die Forschung sozusagen schmackhaft zu machen.

Für den Schüler, der dieser Vorlesung beiwohnte war das alles nicht ersichtlich. Er saß in der Vorlesung: für ihn war jedes Bisschen an Information neu. Somit war er völlig außer sich, als wir am Ende der Vorlesung meinten: wäre ja alles klar gewesen und einfach zu begreifen… das Bild, welches wir als Studenten nach außen machten, war dass wir eine Art Übermensch sein müssten, die in kürzester Zeit die komplexesten Zusammenhänge und Details verstehen und behalten können. Der Effekt auf den Schüler war somit auch klar: Einschüchterung. Er fühlte sich im Kreise dieser „auserwählten“ Studenten klein und minderwertig. Er bewunderte unsere Intelligenz und die Art, wie wir mit derart komplexen Themen umgingen. Bei genauerer Betrachtung ein fataler Trugschluss!

Ein weiterer Faktor, der sich aus der schier unerschöpflichen Menge an Details, die es zu lernen gibt ergibt ist, dass Prüfungen nicht (mehr?!) das sind, was sie sein sollten: eine Überprüfung des Verständnisses, das ein Student in einem bestimmten Fachbereich erworben hat. Zugegeben: dieses Problem gibt es in einer Vielzahl an Studienfächern (und selbst die Informatik, in der vieles mit logischem Verständnis zu machen ist, ist nicht davor gefeit), aber in der Medizin treibt dieser Sachverhalt schon sehr seltsame Blüten:

So ist es etwa normal, dass man sich als Medizinstudent nicht nur an den Fachbüchern und den Vorlesungsfolien der Universität orientiert, wenn es um die Vorbereitung für Prüfungen geht – nein, man besorgt sich Prüfungsprotokolle aus vergangenen Semestern, um die Altfragen zu lernen. Wieso ergibt das in der Medizin Sinn? Nun, man wird von der Uni darauf getrimmt exakt so zu lernen, da ein gewisser Teil der Altfragen in der aktuellen Klausur so oder so ähnlich nochmal dran kommen. Sprich: wenn man Altfragen richtig beantwortet hat und sich diese Antworten einprägt, dann hat man eine bedeutend höhere Chance die kommende Prüfung auch zu bestehen. Was sind nun die Gründe, weshalb dies der Modus Operandi ist, nach dem sich die Medizinstudenten vorbereiten? Der Grund besteht aus zwei Teilen:

  1. Neue Fragen zu definieren ist aufwändig und die Mittel der Uni-Professoren und der wissenschaftlichen Mitarbeiter, die sich diese ausdenken sind begrenzt. Das heißt es macht schlicht und ergreifend ökonomisch Sinn, aus einem Pool an Altfragen plus einem geringeren Teil an neuen Fragen eine neue Klausur zu erstellen.
  2. Der zweite Punkt – und dieser ist noch deutlich stärker zu gewichten – ist der, dass das IMPP – also das Konsortium, welches die Fragen für die Staatsexamina in Medizin erstellt, nach exakt diesem Schema vorgeht. Es werden Altfragen leicht modifiziert oder exakt so wie zuvor erneut gestellt plus einem geringeren Teil an komplett neuen Fragen. Um also ein realistisches Gefühl dafür zu bekommen, wie wahrscheinlich man mit welcher Note ein Examen besteht (oder eben auch nicht) ergibt es Sinn die letzten Examina der Reihenfolge nach zu kreuzen, wie sie geprüft wurden.

Das Ergebnis ist, dass – statt wie man vielleicht erwarten würde rein logische Zusammenhänge und Grundlagenwissen komplexeste und kleinste Details geprüft werden. Das funktioniert in den in Medizin üblichen Multiple-Choice Tests ohne weiteres. Richtig ist zwar, dass man oftmals mit gesundem Menschenverstand und logischem Wissen aus dem Kontext einige der Antwortmöglichkeiten ausschließen kann, aber am Ende ist es eben doch so, dass man ein Detail nun einfach weiß oder eben nicht. Und um nicht in der Fülle an Detailwissen zu ersticken, die es in der Medizin nunmal gibt, ergibt es absolut Sinn diese Details sich mit Altklausuren „reinzupauken“. Selbst, wenn diese Details einem dann für die spätere ärztliche Tätigkeit nicht den geringsten Vorteil bringen.

Es soll auch mal Zeiten gegeben haben, da das IMPP noch nicht derart auf Detailfragen gegangen ist, doch diese Zeiten sind lange vorbei. Der Effekt dieser Art zu prüfen ist mannigfaltig:

Zum einen ist es so, dass auch hier wieder ein „unwissender“ Schüler, Patient oder sonstwer voller Erfurcht zu den „allwissenden“ Medizinern herauf blickt und sie für wahre Übermenschen halten muss. Wie sonst wäre es zu erklären, dass wir diese für ihn schon kryptisch anmutenden Details auch nur verstehen geschweige denn wissen, welche Details nun richtig oder falsch sind in einem Fakten abprüfenden Multiple-Choice-Test?! Auch dieser Sachverhalt überhöht das Ansehen der Medizinstudenten und erzeugt ein aus meiner Sicht falsches Bild.

Was ich aber viel schlimmer finde ist, dass – um dieses Level an Detailwissen aus Altklausuren und Examina aufzubauen – die eigentlich viel wichtigeren und für die ärztliche Tätigkeit durchaus relevanten Grundlagen häufig zu kurz kommen bzw. dass diese Dinge dann on top zusätzlich noch gelernt werden müssen, um später ein guter Arzt zu werden. Beziehungsweise: manche Unis haben OSCEs als Prüfungsformen eingeführt, die exakt dieses logische Grundwissen abprüfen. Mit dem Ergebnis, dass die Belastung für den Studenten verdoppelt wird: für die OSCEs müssen logisches Verständnis und Softskills geübt werden, während für die schriftlichen Prüfungen und Examina detailliertestes Fachwissen auswendig gepaukt werden muss. Ein Stressfaktor, der aus meiner Sicht völlig an der Realität vorbei geht und aus Medizinstudenten keine besseren Ärzte macht.

Es bleibt abzuwarten, ob sich an diesem pathologischen Konstrukt je etwas ändern wird… ich erwarte jedenfalls nicht, dass dies noch zu Zeiten meines Studiums der Fall sein wird. Aber ja. Wer weiß. Vielleicht liest dies ja mal jemand, der ein ähnlich unrealistisches Bild von Ärzten hat und ihm geht ein Licht auf, warum wir eben keine Halbgötter in Weiß sind. Das wäre schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

2 Kommentare zu „Zu viel Stoff – das Problem des Medizinstudiums“

  1. Ich habe ja nur einen Heilpraktikerschein, für den ich aber ähnlich gelernt habe, wie du es beschreibst: Viel mit Hilfe von alten Prüfungsprotokollen. Da ich leicht und schnell auswendig lerne, fiel es mir relativ leicht, die Prüfung zu bestehen, aber das Meiste an Detailwissen habe ich dann auch sehr schnell wieder vergessen. Das liegt zwar auch daran, dass ich vollberuflich als Juristin gearbeitet – und den Schein nebenbei und mehr oder weniger als Hobby gemacht habe (das Ganze also erstmal nicht angewendet habe). Aber auch schon in meinem Jurastudium war es ähnlich: Zu den Klausuren hatte ich das dort geforderte „Wissen“ präsent, aber danach oft rasch wieder vergessen. Und auch da habe ich mich schon des Öfteren gefragt, ob das wirklich eine sinnvolle Art des Studiums ist. Viel zu viele Details, viel zu wenig Wert auf Gesamtüberblick, einordnen können – und natürlich auf soft skills. Viel zu viel Trennung zwischen den einzelnen Fächern, statt mehr die Gemeinsamkeiten und die Prinzipien zu lehren.
    Der von dir beschriebene Marathonfolienlauf in einer Vorlesung ist ja eigentlich eine grauenvolle Art der Lehre. Wie soll so etwas Spaß und Interesse am Thema wecken / erhalten? Die Dinge, die mein Interesse hatten, die habe ich auch so schnell nicht wieder vergessen…. .

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    1. Interessant zu hören, dass es in anderen heilenden Berufen ähnlich auszusehen scheint… da stellt sich wirklich die Frage: wer hat etwas davon, dass es so ist, wie es ist? Nunja… bleibt einzig den eigenen gesunden Menschenverstand zu bemühen und weiterhin ein runderes Bild des Menschen in seiner Gänze zu praktizieren… wenn es einem schon das System nicht vorgibt…

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